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(erschienen in FOCUS
19/1996)
30 Byte für ein Brot Banken testen elektronisches Bargeld - und stoßen auf
Datenschutz- und Akzeptanzprobleme
Marco und Stefan sind ziemlich cool. Die Ravensburger
Teenager - 15 Jahre, Ohrringe, Pferdeschwanz - besitzen ein
Portemonnaie aus Plastik und bezahlen digital: Ihr Geld fließt aus
dem Mikrochip.
Die elektronische Zahlungszukunft wird momentan am
Bodensee geprobt. In Ravensburg und Weingarten testet das deutsche
Kreditgewerbe die neue "GeldKarte" als Bargeldersatz. 80 000
Bankkunden können teilnehmen und ihre Eurocheque- oder Kundenkarte
durch einen Chip nachrüsten lassen. Er dient als Geldspeicher und
läßt sich an Bankautomaten aufladen. Bis zu 400 Mark passen auf das
fingernagelkleine Siliciumplättchen. Beim Einkaufen hantieren die
Testteilnehmer nicht mehr mit Geldscheinen oder Münzen, sondern
schieben ihre Karte einfach in ein Terminal, mit dem der Verkäufer
den Kaufbetrag abbucht.
In Bäckereien, Boutiquen und Buchhandlungen entfällt seit dem
29. März der Griff zum Geldbeutel, Taxifahrer kassieren
elektronisch, und sogar die Stadtverwaltungen machen mit -
Verkehrssünder dürfen ihre Knöllchen elektronisch
bezahlen.
Trotz der engen Verwandtschaft zur EC-Karte unterscheidet
sich die GeldKarte deutlich von ihrem prozessorlosen Pendant. Für
Kunden soll das Plastikgeld der neuen Generation bequemer sein,
Händlern verspricht es eine schnellere und günstigere Abrechnung.
Der Grund: Eine geänderte Sicherheitstechnik beschleunigt den
digitalen Geldfluß.
Während beim Kauf mit EC-Karte über eine Online-Verbindung
geprüft wird, ob der Kunde auch berechtigt und liquide ist, kommt
das GeldKarten-Konzept ohne diese Kontrolle aus. Der Kaufbetrag wird
ohne Eintippen der persönlichen Geheimzahl quasi direkt von der
Karte abgebucht. Den Sicherheits-Check hat der Kunde schon beim
Aufladen seiner Karte hinter sich gebracht. Dabei überweist die Bank
das Geld vom Kundenkonto auf ein internes Verrechnungskonto, von dem
der Kaufbetrag später abgezogen wird.
Vorteil des Offline-Verfahrens für den Handel: Er kann
schneller kassieren und erstmals auch Kleinbeträge - zum Beispiel
für Brot, Wurst oder Zigaretten - elektronisch abrechnen. "Eine neue
Ära im bargeldlosen Zahlungsverkehr", jubelt der Dachverband der
Banken und Sparkassen, der Zentrale Kreditausschuß (ZKA).
Im Pilotversuch Ravensburg/Weingarten zeigen sich allerdings
noch Berührungsängste mit dem ungewohnten Zahlungsmittel. "Mir fehlt
die Kontrolle über mein Geld", klagt eine Kundin. Um herauszufinden,
wieviel E-Cash sie auf der Karte haben, brauchen die Testteilnehmer
ein spezielles Lesegerät. Andere fürchten Diebstahl oder
Verlust.
Sicherheitsbedenken machen auch Datenschützer geltend. Sie
kritisieren das Speichern personenbezogener Daten auf
Schattenkonten, die Informationen über den Kauf kleinerer
Konsumgüter zusammenfassen. Mit ihnen ließen sich Kundenprofile für
die werbende Wirtschaft erstellen, lautet die Befürchtung. Der
hamburgische Datenschutzbeauftragte stuft das GeldKarten-System als
"nicht unzulässig, aber datenschutzrechtlich problematisch"
ein.
Die Initiatoren des GeldKarten-Projekts wollen davon
nichts wissen. "Wir haben keine Probleme mit dem Datenschutz", meint
ZKA-Sprecherin Regine Quentmeier. Die umstrittenen Schattenkonten
dienen nur dazu, das aktuelle Guthaben samt Kartenidentifikation zu
speichern - ein Sicherheitsmechanismus, um bei einer beschädigten
Karte zu rekonstruieren, wieviel Geld sie zuletzt enthielt. "Beim
Kauf mit der GeldKarte werden die Kontonummer und Bankleitzahl gar
nicht übertragen", versichert Quentmeier.
Die schärfste Kritik kommt ausgerechnet von den
eigentlichen Nutznießern: Der Einzelhandel moniert die hohen Kosten,
die mit dem digitalen Bezahlen verbunden sind. Allein die
elektronische GeldKarten-Kasse schlägt mit 400 bis 3000 Mark zu
Buche. Auf Widerstand stoßen aber vor allem die Umsatzgebühren, die
der Handel den Banken bezahlen muß. Jede GeldKarten-Rechnung kostet
die Geschäftsleute 0,3 Prozent Gebühr oder eine Mindestsumme von
fünf Pfennigen - zuviel und sogar unnötig, kritisieren die
Einzelhändler. Das Bankenargument, die Gebühr diene wie bei
EC-Karten als Versicherung gegen Zahlungsausfall, lassen sie nicht
gelten. Denn jeder Pfennig, der abgebucht wird, landet direkt im
Kassenspeicher des Geschäfts und läßt sich in bare Münze umsetzen.
"Der Bankenobulus macht bei der GeldKarte keinen Sinn", sagt der
Weingartener Modehändler Adolf Mayer-Rosa. Der Hauptverband des
Deutschen Einzelhandels leistet Schützenhilfe: "Wir erwarten, daß
sich an der bisherigen Gebührenpraxis bald etwas ändert", so
Verbandssprecher Thomas Werz. Bislang bleiben die Banken
stur.
Der Druck wächst jedoch, denn Handel und Wirtschaft
testen bereits Alternativen zur GeldKarte. So propagiert die
Deutsche Bahn mit der Telekom ihre PayCard als Zahlungsmittel für
bargeldloses Telefonieren sowie Bus- und Bahnfahren. Der
Einzelhandel setzt auf die P-Card, die durch günstigere
Transaktionsgebühren besonders auf die Wünsche der
Lebensmittelhändler zugeschnitten ist. Der Kreditkartenriese VISA
bereitet unterdessen das Deutschland-Debüt von VISA Cash
vor.
Alle hoffen auf das Geschäft mit den Gebühren, denn
bislang werden noch 85 Prozent aller Zahlungen mit Scheinen und
Münzen geleistet: Der Einzelhandel verbucht täglich 30 Millionen
Zahlungen unter 50 Mark. Branchenkenner schätzen die Einnahmen der
Banken aus dem Geldkarten-Geschäft auf jährlich mindestens 80 bis 90
Millionen Mark. Die kostengünstigere Abwicklung des Geldverkehrs
garantiert satte Gewinne.
Der Trend zum elektronischen Bargeld ist
international. Weltweit laufen Pilotversuche auf Hochtouren. Allein
in Europa proben neun Projekte zwischen Helsinki und Lissabon das
Bezahlen mit der digitalen Brieftasche. In Österreich existieren 2,5
Millionen erweiterte EC-Karten. In Spanien will VISA ab Anfang Mai
rund eine Million VISA-Cash-Karten ausgeben. Im englischen Swindon
gehört das Plastikgeld der Firma Mondex längst zum Alltag,
allerdings ohne große Resonanz - 40 000 Briten sollten nach sechs
Monaten auf die Karte setzen, tatsächlich waren es nur
9000.
In Ravensburg und Weingarten steht eine erste Zwischenbilanz
noch aus. Die Expansionspläne liegen aber bereits auf dem Tisch. Ab
Herbst wird die GeldKarte voraussichtlich bundesweit zu haben sein,
bis zum Jahresende sollen 25 Millionen Kunden mit Bits statt mit
Bargeld zahlen. Ende 1997 dürften 55 Millionen EC-, Bank- und
Sparkassenkarten einen Mikrochip tragen, schätzt der ZKA. "Wir
setzen uns durch", sagt GeldKarten-Projektleiter Klaus
Altenhenne.
Damit enden die Zukunftspläne nicht. Langfristig soll die
GeldKarte den Magnetstreifen ablösen und sich auch für das virtuelle
Banking via Internet nutzen lassen. Eines wird die elektronische
Geldbörse aber auch dann noch mit der guten alten Brieftasche
verbinden: "Wer sie verliert, hat Pech gehabt", erklärt
ZKA-Sprecherin Regine Quentmeier. Bei Verlust haftet die Bank nicht,
das Geld ist weg - reales wie digitales.
Ralf Gruber / Thilo Neidhart |
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E-CASH: VIER
KONKURRENTEN AM START
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 DIE GELDKARTE soll schon im Herbst bundesweit zu haben
sein · Elektronische Brieftasche der Banken
und Sparkassen. Nach Pilotversuch am Bodensee Ausweitung auf
gesamtes Bundesgebiet. Planung: 25 Millionen Karten bis zum
Jahresende, 55 Millionen bis Ende 1997. · Zwei Versionen: personenbezogen mit Aufladen vom
eigenen Konto oder anonym gegen
Bargeld
PAYCARD zum Bezahlen von Telefonaten und
Nahverkehrsmitteln · Herausgeber: Deutsche Bahn, Telekom,
Nahverkehrs-unternehmen. Nutzung als Telefonkarte und
Zahlungsmittel für Busse und Bahnen, persönliche/anonyme
Version. · Testlauf in Stuttgart, München, Hamburg und im
Rhein-Main-Gebiet mit 5000 Personen. Ausgabegebühr als Pfand,
keine Aufladegebühr
P-CARD wird vom Einzelhandel
favorisiert · Eingeführt im März von Elektronik Banking Systems und
anderen. Angeboten als personenbezogene oder anonyme Karte.
Ausgabegebühr einmalig 15 Mark, jedes Aufladen kostet 80
Pfennig. · Nutzung vor allem im Einzelhandel. Ziel: 500000
ausgegebene Karten bis Ende 1996, bis zu 5000
Akzeptanzstellen
VISA CASH soll sich rund um den Globus
etablieren · Weltweite Geldbörse des Kreditkartenkonzerns. VISA
verhandelt derzeit mit deutschen Banken über die Einführung in
Deutschland. Starttermin: offen. In Australien und Kanada wird
VISA Cash bereits genutzt. 1996 Pilotprojekte in Spanien,
Argentinien, Kolumbien und bei den Olympischen Spielen in
Atlanta
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| Zitat |
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 "Irgendwann wird auch die Sozialhilfe mit der Karte
abgebucht. Das spart den Gemeinden Personal"
Klaus Altenhenne,
Projektgeschäftsführer GeldKarte |
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