|
(erschienen in Tomorrow
6/2008)
In Zukunft nur zensiert China ist überall: Niemand zensiert das Netz stärker als
die Volksrepublik, aber immer mehr Staaten denken ebenfalls über
eine Regulierung nach. Im Netz entspannt sich ein Wettrüsten
zwischen Zensoren und Bürgerrechtlern.
Die Pressereise in Tibet gerät außer Kontrolle. Völlig
überraschend für die chinesischen Aufpasser, treffen die Reporter
plötzlich auf eine Gruppe von Mönchen. Die laufen rastlos in ihren
dunkelroten Gewändern umher, wirken unruhig und aufgewühlt. Sie
klagen ihr Leid und brechen schließlich, hilflos und ohnmächtig vor
Wut, in Tränen aus – direkt vor den Kameras der
Fernsehteams.
Die Bilder laufen über Fernsehschirme in aller Welt, etwa bei
den BBC News in England, und auch im Internet. Nur nicht in China:
Dort sperrt die Zensur den Zugriff auf die BBC-Website. Und
blockiert CNN, CBC, Washington Post, New York Times, Guardian, Fox
News, El Pais, die Tagesschau und viele mehr.
Seit der jüngsten Tibet-Krise steht Chinas Umgang mit der
autonomen, schon 1950 gewaltsam annektierten Region und den
Menschenrechten im Mittelpunkt. Die Diskussion wirft aber auch ein
Schlaglicht auf die rigide Zensurpolitik des Landes und zeigt
exemplarisch, welchen Stellenwert das Internet erreicht hat. Im Netz
– dem globalen Fernsehprogramm des 21. Jahrhunderts – sehen
autoritäre Staaten eine besondere Gefahr. Denn online verbreitet,
richten unabhängig-kritische Bilder und Texte doppelten Schaden an:
Sie ramponieren das internationale Ansehen und machen die eigenen
Bürger auf Missstände und Abweichungen von der amtlichen Wahrheit
aufmerksam.
Um diesen Schaden abzuwenden, betreibt die Volksrepublik
einen riesigen Aufwand. Nicht weniger als fünf Regierungsstellen
kümmerten sich um Internet-Zensur, konstatiert die Organisation
Reporter ohne Grenzen, zudem sei China „das weltgrößte Gefängnis für
Cyber-Dissidenten“: 48 von ihnen säßen gegenwärtig hinter Gittern.
Was nicht gesperrt wird, unterliegt strengen Kontrollen. Die Inhalte
ausländischer Websites werden durch spezialisierte
Polizeiabteilungen überwacht, wobei Filterprogramme verdächtige
Schlüsselwörter im Datenstrom aufspüren und gegebenenfalls die
Verbindung zwischen Rechner und Server trennen. Inländische
Web-Angebote müssen behördlich angemeldet und genehmigt werden.
Experten summieren das gesamte Arsenal an Zensurmechanismen unter
dem sinnigen Sammelbegriff „Great Firewall of China“. Dabei bemerken
chinesische Netz-Nutzer eventuell gar nicht, wie sie bevormundet
werden. Staatliche Kontrolleure gaukeln ihnen mit gefälschten
Fehlermeldungen vor, die jeweilige Seite sei aus technischen Gründen
nicht erreichbar.
„Die Chinesen surfen im Schatten der weltgrößten
Zensurmaschine“, brachte es der BBC-Redakteur Richard Taylor schon
vor zwei Jahren auf den Punkt. Seitdem wurden die Kontrollen noch
ausgeweitet – im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele läuft die
Maschine nun auf Hochtouren. Amnesty International schildert in
einem neuen Bericht die Einführung weiterer Maßnahmen zur
Online-Kontrolle und kommt zu dem Schluss, dass die jüngsten
Repressionen nicht trotz, sondern wegen Olympia erfolgen. Die
deutsche Sektion der Reporter ohne Grenzen zitiert eine Anweisung,
wonach Betreiber tibetischer Internet-Cafés zu verhindern hätten,
dass „Staatsgeheimnisse“ ins Ausland gelangen, und dabei besonders
auf Foto- und Videomaterial achten sollten.
Die weltweite Empörung über das chinesische Durchgreifen
gegen Demonstranten erhöht den Druck auf westliche Unternehmen, die
sich aus wirtschaftlichem Interesse mit der Zensur arrangiert haben.
Darunter Google, das seine Suchresultate in China bislang freiwillig
selbst zensiert: Aktionäre wollen das Management nun verpflichten,
beim Umgang mit autoritären Staaten auf Mindeststandards bei den
Menschenrechten zu achten. Ähnliche Versuche waren in der
Vergangenheit allerdings gescheitert. Auch Yahoo gerät wieder ins
Blickfeld – die Suchmaschine hatte den chinesischen Behörden sogar
Hinweise auf einen Dissidenten geliefert und war dafür massiv
kritisiert worden.
Bürgerrechtsgruppen und Forschern, die sich gegen
Online-Zensur engagieren, gibt Tibet Auftrieb. Das Citizen Lab der
Universität Toronto hat beispielsweise ein Verfahren entwickelt, das
staatliche Firewalls durchlässig macht: Mit Psiphon sollen sich von
der Zensur gesperrte Websites über einen Umweg erreichen lassen.
Surfer melden sich dazu bei einem Psiphon-Server an, der in einem
zensurfreien Land steht. Er ist Teil eines Netzwerks
vertrauenswürdiger Server und leitet ihre Anfrage dann quasi als
Mittelsmann an die gewünschte Website weiter. Die IP-Adresse des
Psiphon-Servers ist den Zensoren unbekannt und die gesamte
Kommunikation erfolgt verschlüsselt. „Die neueste Version dieses
Systems arbeitet jetzt komplett Web-basiert und ohne jegliche
Software-Installation“, erläutert Associate Professor Ronald
Deibert. Das dürfte die Akzeptanz bei Privatleuten, Unternehmen und
Medien noch steigern.
Der Protest gegen China verstellt aber leicht den Blick
darauf, dass sich längst ein globaler Trend zur Internet-Zensur
abzeichnet, der geographische, politische und religiöse Grenzen
überschreitet. In ihrer aktuellen Liste der „Feinde des Internet“
führen die Reporter ohne Grenzen neben dem roten Riesenreich 14
weitere Länder auf, darunter Iran, Pakistan, Myanmar (Birma) oder
Weißrussland. Alle blockieren nicht-genehme Netzinhalte, sperren
unliebsame Blogger ein oder beschränken den Internet-Zugang von
vornherein auf eine ausgesuchte Klientel. Ein rundes Dutzend
weiterer Staaten stellen die Aktivisten „unter
Beobachtung“.
Doch der unbeschränkte Abruf von Informationen aus dem Netz
erscheint auch anderswo als Auslaufmodell. Als Argumente für eine
Kontrolle dienen oft der Schutz vor Pornografie oder terroristischer
Bedrohung. „Der Trend zeigt in erster Linie, dass weltweit Staaten
die Bedeutung der Internet-Kommunikation erkennen und damit die
Notwendigkeit, einzugreifen, um das Internet zu formen und zu
kontrollieren“, stellt Deibert fest. „Früher glaubte man, das wäre
unmöglich, aber das ist es eindeutig nicht.“
So hat US-Heimatschutzminister Michael Chertoff das Internet
jüngst als mögliche Quelle neuer Terroranschläge ausgemacht. Um sich
zu radikalisieren oder zu lernen, wie man Bomben baut, müsse man
kein Trainingscamp mehr besuchen, all das sei im Netz möglich. Die
Konsequenz – eine stärkere Überwachung – scheint logisch. „Diese Art
von Terroristen finden wir nicht mit Satelliten oder Spionen“,
argumentiert Chertoff. Russland plant ebenfalls, die
Internet-Nutzung stärker zu kontrollieren und einzuschränken. Dazu
würde ein noch geheimer Gesetzentwurf vorbereitet, berichten
Menschenrechtler, der zusätzlich zu Homepage- und E-Mail-Kontrollen
schon den Besuch verbotener Websites unter Strafe stellen soll. Die
australische Regierung will Internet-Provider künftig verpflichten,
Filter einzubauen, um ausgewählte Websites zu sperren. Zensur sei
das jedoch nicht: „Man kann die freie Meinungsäußerung nicht mit dem
Betrachten von Kinderpornografie gleichsetzen“, beharrt Australiens
Telekommunikationsminister Stephen Conroy. Ob auch
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble Handlungsbedarf sieht und wo
für ihn die Grenzen der Informationsfreiheit liegen, bleibt vorerst
offen: Dem Wunsch nach einer Stellungnahme könne man leider nicht
nachkommen, erklärt sein Ministerium lapidar.
Dass – wie andere Kommunikationsmedien vor ihm – auch das
Internet bald global stärker reguliert wird, gilt unter Beobachtern
als ausgemacht. Zensurgegner belassen es daher nicht mehr bei
Aufklärung und Kritik. Auf ihren Websites bieten sie neben
allgemeinen Informationen auch Hilfe zur Selbsthilfe an. Während die
Reporter ohne Grenzen ein „Handbuch für Blogger und
Cyber-Dissidenten“ bereit stellen, geht das kanadische
CiviSec-Projekt noch weiter. Sein „Everyone’s Guide to by-passing
Internet Censorship“ soll auch Laien in die Lage versetzen, die
Zensoren auszubooten. Beide empfehlen geeignete Tools und
Websites.
Chinesischen Bürgerrechtlern hilft das Wirtschaftswachstum
ihres Landes aber womöglich ebenso viel wie clevere Software.
Offiziell sind schon 210 Millionen Nutzer im Netz, das entspricht
jedoch erst 16 Prozent der Gesamtbevölkerung. Beim jetzigen Tempo
wird China die USA bald als Internet-Land Nummer Eins überholt
haben. Die Chinesen können dann zwar nicht darauf hoffen, dass die
Restriktionen gelockert werden. Aber darauf, dass die Zensoren nicht
mehr hinterher kommen.
„Zensur-Hinweise in 71 Ländern“
 |
|
Dr. Ronald Deibert, 43, entwickelt Lösungen, um die
zunehmende Online-Zensur zu umgehen
|
|
Dr. Ronald Deibert ist Mitbegründer der OpenNet-Intitiative,
die als Forschungsprojekt weltweit die Internet-Zensur und
Überwachung untersucht, und steht hinter dem Anti-Zensursystem
Psiphon. Als Associate Professor für Politische Wissenschaften und
Direktor des Munk-Zentrums für Internationale Studien arbeitet er an
der Universität Toronto.
Ihr Psiphon-System hilft, Zensur zum umgehen. Wo kommt es
zum Einsatz?
Wir arbeiten im Zusammenhang mit China und Tibet mit einigen
Menschenrechtsgruppen zusammen. Besonders im Mittleren Osten, dem
Persischen Golf und der früheren Sowjetunion wird Psiphon intensiv
genutzt.
Was unterscheidet Psiphon von vergleichbaren
Lösungen?
Es gibt viele Wege, Internet-Zensur zu umgehen, die meisten
von ihnen sind unsicher und/oder nur sehr schwer für
Durchschnitts-Anwender zu handhaben. Psiphon sollte leicht zu
bedienen, schwer zu finden und schwierig zu blockieren
sein.
Gehen Sie davon aus, dass Online-Zensur noch weiter um
sich greifen wird?
Ich habe die Entwicklung der Internet-Zensur während der
vergangenen zehn Jahre genau verfolgt. Die Zahl der Länder, die das
Netz zensieren, ist von einigen wenigen auf über zwei Dutzend
angestiegen. Derzeit gehen wir Zensur-Hinweisen in 71 Ländern
nach.
Gibt es eines Tages womöglich keine „sicheren“ Länder mehr
für Ihre Server?
Obwohl zahlreiche Staaten – auch westliche Demokratien – über
Internet-Filterlösungen nachdenken und der Trend in diese Richtung
geht, macht mir das keine Angst. In vielen Ländern gibt es einen
ausgeprägte Achtung vor dem Gesetz und den Menschenrechten. Ich
hoffe, die OpenNet-Initiative und Psiphon helfen, sie noch
auszubauen. Wir leben in einem einzigartigen Zeitalter, das nach den
Anschlägen vom 11. September 2001 von Sicherheitsfragen dominiert
wird. Das Pendel kann aber auch in Richtung mehr Respekt vor den
Menschenrechten zurückschwingen – zumindest hoffe ich
das.
Lässt sich der technische Wettstreit mit Zensoren
überhaupt gewinnen?
Das Internet ist ein komplexes verteiltes System – die größte
von Menschen geschaffene Umgebung in der Geschichte. Zu lange haben
viele Nutzer seine offene Architektur als selbstverständlich
empfunden und sehen jetzt überall, wie es zunehmend geschlossen
wird. In dem Maße, in dem die Leute aufwachen, bin ich aber
zuversichtlich, dass Wachsamkeit und technischer Einfallsreichtum
helfen werden, das Netz als ein Forum für die freie Meinungsäußerung
und ungehinderten Informationszugang zu schützen. |