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(erschienen in FOCUS 11/1997)
Das Internet auf allen Kanälen
Datensurfen so einfach wie Fernsehen: Neue Technik verspricht den Durchbruch zum Massenmedium
Südlich von San Francisco, im gediegenen Vorort Palo Alto, beginnt der Morgen später. Um halb zehn wirkt das flache Bürogebäude in der 445 Sherman Avenue noch wie ausgestorben. Im Großraumbüro hinter dem Plastikschild "Marimba" bedecken die Zeitungen von gestern den abgewetzten Veloursboden. Zwischen dunklen Monitoren und Stapeln von Computerbüchern bahnen sich ein paar übernächtigte Programmierer langsam ihren Weg zur Kaffeemaschine.
Nur im Nebenraum flimmert schon ein Bildschirm. Davor sitzt, inmitten von Papierskizzen und Holzspielzeug, ein großgewachsener Mann in Jeans und Polohemd: Arthur van Hoff entwirft ein neues Internet.
In seinem Netz muß niemand mehr auf Daten warten. Niemand muß kryptische Adreßkürzel tippen. Das Suchen nach Informationen ist überflüssig - die Informationen kommen zum Benutzer. Als Texte, Bilder, Töne oder Videos. Nach dem gleichen Prinzip, das seit fast 70 Jahren unter einem simplen Namen bekannt ist - Fernsehen.
Revolution im Datennetz: Das Internet, ab Donnerstag Hauptdarsteller auf der Computermesse CeBIT, steht vor dem größten Umbruch seiner Geschichte. Ein Dutzend junger Softwarefirmen wie Marimba basteln an einer neuen Infrastruktur für den weltumspannenden Datenstrang. Ihre Programme verwandeln Info-Anbieter in Online-Sender: Statt auf zufällig vorbeisurfende Netznutzer zu warten, senden sie die neuesten Börseninfos oder Reisetips automatisch an ihre Teilnehmer. Die können aus Hunderten von Kanälen ihr Wunschprogramm zusammenstellen - interaktives Fernsehen im Internet.
Das neue Konzept, in Anlehnung an das Fernsehvorbild "Webcasting" oder schlicht "Push" genannt, versetzt die Branche in Aufbruchsstimmung. Vordenker der Online-Szene beschwören schon eine futuristische Medienwelt jenseits des heutigen Netzes herauf: Empfänger am Handgelenk melden Sportresultate, im Handy-Display zeigen Straßenpläne die aktuelle Verkehrslage. Intelligente Fernseher blenden Infos ins TV-Bild ein. Der PC wird entbehrlich. "Geben Sie Ihrem Internet-Steuerprogramm den Abschiedskuß", jubelt das Technophilen-Magazin "Wired".
Die Euphorie ist verständlich, denn das bekannte World Wide Web droht am eigenen Erfolg zu ersticken. Seit seinem Debüt im Sommer 1991 ist die Zahl multimedialer Web-Seiten von Null auf 150 Millionen gestiegen. Zur Jahrtausendwende werden es eine Milliarde Seiten sein, schätzen Experten.
Im explosionsartig wachsenden Netz verlieren selbst Routiniers die Orientierung. 50 Prozent der regelmäßigen Nutzer surfen schon nicht mehr, sondern besuchen nur noch ihre Stammseiten, brachte kürzlich eine Studie ans Licht. Das Georgia Institute of Technology meldet bereits einen deutlichen Rückgang der Netzeinsteiger. "Wir brauchen einen anderen Dreh, um neue Teilnehmer zu gewinnen", folgert der Web-Forscher James Pitkow.
Christopher Hassett meint, den richtigen Dreh gefunden zu haben. 1992 gründete er mit seinem Bruder Gregory die Firma PointCast. Im Februar 1996 gingen sie im Datennetz auf Sendung: Wer ihre kostenlose Empfängersoftware auf seinem Internet-PC installierte, sah in Arbeitspausen statt bunter Bildschirmschoner plötzlich Börsenticker, News und Werbung über den Monitor laufen. Heute beliefern die Brüder eine Million Zuschauer. 15 000 neue kommen täglich dazu. "Wir definieren ein neues Medium", sagt Hassett stolz, "wir sind der erste Fernsehsender im Internet."
Konjunktur für Kanalbauer: Fast täglich wächst die Konkurrenz für den "Push"-Pionier. Neue Anbieter wie IFusion oder inCommon versuchen, mit eigener Software und einer Fülle von Spartenkanälen Online-Zuschauer zu gewinnen. Der Internet-Sender BackWeb etwa strahlt 33 Programme aus. Darunter den Kfz-Kanal des Autogiganten General Motors, aber auch "American Singles", einen Dating-Kanal für einsame Herzen. Die Premiere des Finanzprogramms vom "Wall Street Journal" steht kurz bevor.
Mit dem hektischen Ausbau ihres Angebots rüsten sich PointCast & Co. für den Kampf um Werbegelder. Weil die Webcast-Zuschauer schon durch die Auswahl der Programme viel über ihre Interessen verraten, kann die Industrie zielgenau werben: Wer den Urlaubskanal abonniert, interessiert sich wahrscheinlich auch für Last-Minute-Angebote. Die lassen sich zusammen mit den Reisetips ausstrahlen. Für hochwertige Kanäle könnten die Online-Sender zudem Nutzungsgebühren kassieren.
"Webcasting verkörpert die bislang größte Hoffnung, mit dem Internet Geld zu verdienen", konstatiert das Wirtschaftsmagazin "Business Week". 1996 brachte das Internet-Fernsehen erst einen Umsatz von zehn Millionen Dollar. Bis zum Jahr 2000 wird er jedoch auf 5,7 Milliarden Dollar anwachsen, prognostizieren die Marktforscher der Yankee Group. Mehr als ein Drittel der Internet-Gesamteinnahmen von 14 Milliarden Dollar ginge dann auf das Konto von Netz-TV.
Neues Gesicht für PCs: Noch bevor "Webcasting" Heerscharen neuer Teilnehmer ins Netz lockt, die in TV-Manier zwischen den Infokanälen zappen, verändert die Technik aber das Arbeiten am Computer. Netscape und Microsoft - David und Goliath des Internet - machen sie zum Kernstück ihrer kommenden Programme.
Die nächste Windows-Version (Codename: "Memphis") wird eine "aktive Benutzeroberfläche" enthalten, die neue Informationen automatisch auf den Bildschirm bringt. Windows 97 unterscheidet dann nicht mehr zwischen Dateien auf der PC-Festplatte und Daten aus dem Netz: Beide erscheinen gleichberechtigt in den Bildschirmfenstern.
Auch bei Netscapes "Constellation" lassen sich Neuigkeiten sofort auf dem Monitor ablesen. Eine Symbolleiste steuert alle Funktionen, das Betriebssystem tritt in den Hintergrund.
Netzwerkprofis in Firmen interessieren sich darüber hinaus für einen Zusatznutzen: Webcasting kann nicht nur Text- und Bilddaten übertragen, sondern auch Programme. Der Virenschutz-Anbieter McAfee sendet seine PC-Antibiotika schon an die Abonnenten von BackWeb. Taucht ein neuer Computervirus auf, erhalten sie via Netz sofort das Gegenmittel.
Ob die Netz-TV-Technik aber als Allheilmittel gegen die Wachstumsprobleme des Internet taugt, ist umstritten. Kritiker argwöhnen, daß ein Teilnehmerschub und Hunderte Datenkanäle das Netz weiter verstopfen könnten. Im Online-Debattierclub "Braintennis" fürchtet die Journalistin Julie Petersen gar um die demokratischen Kommunikationsstrukturen, wenn wenige Netz-Sender die Inhalte bestimmen.
Mit einer nüchternen Bestandsaufnahme kommt der renommierte Online-Kolumnist Steven Johnson der Wahrheit wohl am nächsten: "Die Push-Technik ist entweder eine gute Idee mit bescheidenen Auswirkungen oder eine fürchterliche Idee, die alles revolutioniert."
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